Einleitung

Warum entstehen neue KI-Rechenzentren ausgerechnet im Rheinischen Revier? Warum investieren internationale Technologieunternehmen Milliarden in Nordrhein-Westfalen und nicht ausschließlich in etablierte Innovationszentren wie München oder Berlin? Warum nicht in Regionen mit ähnlichen oder besseren Förderprogrammen bzw. politischen Ambitionen?

Auf den ersten Blick scheinen diese Fragen vor allem technologischer Natur zu sein. Tatsächlich führen diese Fragen jedoch zu einem Forschungsgebiet der Volkswirtschaftslehre: der Standortökonomik.

Kaum eine Entwicklung prägt die wirtschaftspolitische Debatte derzeit stärker als die künstliche Intelligenz. Neue Rechenzentren, Cloud-Infrastrukturen und Investitionen internationaler Technologiekonzerne werden in Europa aufmerksam verfolgt. Solche Investitionen gelten häufig als Erfolg einzelner Regionen und als Beleg für ihre Wettbewerbsfähigkeit.

Aus ökonomischer Sicht sind sie jedoch weit mehr als das. Sie zeigen, dass auch im Zeitalter der künstlichen Intelligenz die Frage des Standorts nichts von ihrer Bedeutung verloren hat. Im Gegenteil: Die räumliche Verteilung wirtschaftlicher Aktivität gewinnt wieder an strategischer Relevanz.

Gerade deshalb erlebt die Standortökonomik im Zeitalter der künstlichen Intelligenz eine bemerkenswerte Renaissance.

Eine alte Theorie für eine neue Technologie

Bereits Johann Heinrich von Thünen entwickelte eine der ersten systematischen Theorien räumlicher Wirtschaftsstrukturen. Alfred Weber untersuchte die optimale Lage industrieller Produktion. Alfred Marshall erklärte die Vorteile industrieller Ballungsräume durch Wissensspillover, spezialisierte Arbeitsmärkte und Zuliefernetzwerke. Paul Krugman entwickelte diese Überlegungen später in der Neuen Ökonomischen Geographie weiter und zeigte, wie sich wirtschaftliche Aktivität räumlich konzentriert und gegenseitig verstärkt.

Die Technologien haben sich seitdem grundlegend verändert.

Die ökonomische Fragestellung hingegen ist erstaunlich konstant geblieben.

Früher ging es um Stahlwerke, Chemieanlagen oder Automobilfabriken. Heute geht es um Rechenzentren, Cloud-Infrastruktur, Halbleiter oder Unternehmen der künstlichen Intelligenz.

Unternehmen müssen weiterhin entscheiden, wo sie investieren.

Die Antwort folgt heute wie damals einer standortökonomischen Logik.

Künstliche Intelligenz ist nicht ortlos

Digitale Technologien werden häufig mit der Vorstellung verbunden, wirtschaftliche Aktivitäten würden zunehmend unabhängig vom Standort. Daten könnten überall verarbeitet und digitale Dienstleistungen weltweit angeboten werden, unabhängig von räumlichen Distanzen.

Gerade bei künstlicher Intelligenz zeigt sich jedoch das Gegenteil.

Große Sprachmodelle benötigen enorme Rechenkapazitäten. Diese entstehen nicht im virtuellen Raum, sondern in physischen Rechenzentren. Sie benötigen erhebliche Mengen elektrischer Energie, leistungsfähige Stromnetze, Glasfaserverbindungen, geeignete Flächen sowie stabile institutionelle Rahmenbedingungen.

Die Entscheidung internationaler Technologiekonzerne für bestimmte Regionen folgt deshalb keineswegs dem Zufall. Dass Unternehmen wie Microsoft ihre Infrastruktur im Rheinischen Revier ausbauen, lässt sich nicht allein durch Förderprogramme oder politische Unterstützung erklären. Aus standortökonomischer Perspektive spricht vieles dafür, dass die Kombination klassischer Standortfaktoren entscheidend ist: leistungsfähige Energie- und Netzinfrastruktur, verfügbare Flächen, eine starke industrielle Basis und die Nähe zu einem der größten industriellen Ballungsräume Europas. Gleichzeitig könnten KI-Unternehmen von der Nähe zu Universitäten, Forschungseinrichtungen, industriellen Kunden und hochqualifizierten Fachkräften profitieren.

Auch im Zeitalter künstlicher Intelligenz bleibt wirtschaftliche Aktivität räumlich gebunden.

Die Standortentscheidung verschwindet nicht - sie gewinnt vielmehr an Bedeutung.

Neue Technologien, klassische Standortfaktoren

In der Forschung sind noch viele Fragen offen, welche Faktoren eine zentrale Rolle für (große) KI-Rechenzentren, Cloud-Anbieter bzw. Betreiber von KI-Infrastruktur spielen. Es bleibt noch viel zu untersuchen!

Aus heutiger Sicht sprechen sowohl theoretische Überlegungen als auch erste Investitionsentscheidungen dafür, dass insbesondere folgende Faktoren relevant sind:

  • wettbewerbsfähige Energiepreise,
  • eine sichere und leistungsfähige Stromversorgung,
  • hochentwickelte digitale Infrastruktur,
  • qualifizierte Fachkräfte,
  • effiziente Genehmigungsprozesse,
  • institutionelle Verlässlichkeit,
  • die Nähe zu Kunden und industriellen Anwendern.

Diese Faktoren bilden gemeinsam das wirtschaftliche Umfeld, innerhalb dessen Unternehmen ihre Investitionsentscheidungen treffen.

Technologische Innovation ersetzt die Standortökonomik nicht.

Sie macht ihre Bedeutung erneut sichtbar.

Standortentscheidungen und Geoökonomie – Zugang zu Daten, Wissen und regionale Innovationsökosysteme

Die Standortentscheidung eines Unternehmens erschöpft sich jedoch nicht allein in klassischen Kosten-Nutzen-Kalkülen. Im Zeitalter der künstlichen Intelligenz gewinnt sie zugleich eine geoökonomische Dimension.

Große Cloud-Anbieter investieren nicht ausschließlich dort, wo Energiepreise niedrig oder Genehmigungsverfahren effizient sind. Ebenso relevant ist die Nähe zu denjenigen Unternehmen, in denen die wirtschaftlich wertvollsten Anwendungen künstlicher Intelligenz entstehen.

Gerade Deutschland verfügt mit seinem Maschinenbau, seiner Automobilindustrie, seiner Chemieindustrie sowie zahlreichen Hidden Champions über außergewöhnlich umfangreiche industrielle Datenbestände und tiefes branchenspezifisches Prozesswissen. Diese Daten unterscheiden sich grundlegend von öffentlich verfügbaren Internetdaten. Sie entstehen unmittelbar in Produktionsprozessen, Lieferketten und industriellen Anwendungen und bilden eine wesentliche Grundlage für die Entwicklung spezialisierter KI-Systeme.

Für internationale Cloud- und KI-Unternehmen kann die räumliche Nähe zu solchen Industrieclustern deshalb einen zusätzlichen strategischen Vorteil darstellen. Sie erleichtert die Zusammenarbeit mit Unternehmen, verbessert das Verständnis branchenspezifischer Anforderungen und ermöglicht die Entwicklung neuer KI-Anwendungen.

Entscheidend ist dabei die Einbindung in regionale Innovationsökosysteme. Dort entstehen Lernprozesse, Wissensspillover und Netzwerkeffekte, aus denen langfristige Wettbewerbsvorteile erwachsen können.

Standortentscheidungen folgen damit nicht mehr ausschließlich der Frage, wo Produktion möglichst effizient erfolgen kann.

Zunehmend geht es auch darum, wo neues Wissen entsteht.

Je stärker künstliche Intelligenz branchenspezifisches Wissen benötigt, desto größer wird der wirtschaftliche Wert regionaler Innovationsökosysteme.

Die Entscheidung Microsofts für das Rheinische Revier lässt sich vor diesem Hintergrund nicht nur als Investition in Infrastruktur verstehen (was auch Deutschland zugute käme). Sie ist zugleich eine Investition von Microsoft in die Nähe zu einem der bedeutendsten industriellen Innovationsräume Europas.

Europas Vielfalt - ein Netzwerk komparativer Standortvorteile, ein integrierter Innovationsraum

Diese Perspektive verändert auch den Blick auf Europas KI-Strategie.

Die europäische Diskussion konzentriert sich häufig auf technologische Souveränität oder die Frage, wie Europa im Wettbewerb mit den USA und China bestehen kann. Dabei entsteht leicht der Eindruck, Europa müsse einen einheitlichen KI-Standort entwickeln.

Ökonomisch erscheint jedoch eine andere Entwicklung plausibler.

Europas Stärke liegt gerade in seiner Vielfalt.

Regionen mit vergleichsweise günstigen Strompreisen, einem hohen Anteil erneuerbarer Energien oder kühlen klimatischen Bedingungen - wie z.B. in Skandinavien - bieten günstige Voraussetzungen für energieintensive, große, Hyperscale-Rechenzentren.

Deutschland verfügt dagegen über eine außergewöhnlich starke industrielle Basis, Hidden Champions sowie umfangreiche industrielle Datenschätze. Diese Kombination schafft günstige Voraussetzungen für kundennahe Cloud- und KI-Infrastrukturen sowie für die Entwicklung industrieller KI-Anwendungen.

Andere Regionen Europas besitzen andere besondere Stärken, z.B. in speziellen Gebieten der Grundlagenforschung, der Softwareentwicklung oder digitalen Dienstleistungen.

Eine erfolgreiche europäische KI-Strategie sollte diese unterschiedlichen komparativen Vorteile nicht vereinheitlichen, sondern gezielt miteinander verbinden. Europas Wettbewerbsfähigkeit wird weniger davon abhängen, überall dieselben Kompetenzen aufzubauen, als vielmehr davon, seine unterschiedlichen regionalen Stärken zu einem integrierten Innovationsraum zu verknüpfen.

Digitale Infrastruktur als wichtiger Standortfaktor

Neben Energie zählt auch die digitale Infrastruktur zu den zentralen Standortfaktoren. Während Verkehrswege seit jeher zu den klassischen Determinanten wirtschaftlicher Entwicklung gehören, entwickelt sich leistungsfähiges Gigabit-Breitband zur Grundvoraussetzung moderner Unternehmensstandorte.

Meine aktuelle Forschung zeigt, dass Regionen mit einer besseren Gigabit-Infrastruktur mehr Unternehmensgründungen anziehen. Ein Anstieg der Gigabit-Verfügbarkeit um zehn Prozent erhöht die Zahl neuer Unternehmensgründungen um rund 2,8 Prozent.

Digitale Infrastruktur beeinflusst damit unmittelbar, wo neue wirtschaftliche Aktivität entsteht.

Im KI-Zeitalter wird digitale Infrastruktur zu dem, was Eisenbahnen, Autobahnen und Häfen im Industriezeitalter waren: eine zentrale Voraussetzung dafür, wo Unternehmen investieren und Innovation entsteht.

Gleichzeitig zeigt die Analyse ein differenzierteres Bild. Die positiven Effekte hochwertiger digitaler Infrastruktur treten insbesondere in größeren Städten und Ballungsräumen auf, während sie in ländlicheren Regionen deutlich schwächer ausfallen.

Digitale Infrastruktur ersetzt Agglomerationsvorteile daher nicht.

Sie verstärkt vielmehr jene Standorte, an denen Unternehmen, Forschungseinrichtungen, Fachkräfte und industrielle Netzwerke bereits eng miteinander verbunden sind.

KI-Politik ist auch Standortpolitik, und wird zur Geoökonomie

All diese Erkenntnisse haben unmittelbare Konsequenzen für die wirtschaftspolitische Gestaltung der europäischen KI-Strategie.

Rechenzentren sollten nicht isoliert betrachtet werden. Sie sind Teil regionaler Innovationsökosysteme.

Aus standortökonomischer Perspektive ist zu erwarten, dass dort, wo leistungsfähige digitale und Energie-Infrastruktur auf industrielle Nachfrage, wissenschaftliche Exzellenz, qualifizierte Fachkräfte und funktionierende Netzwerke trifft, selbstverstärkende Entwicklungsprozesse entstehen können.

Für Unternehmen dürfte deshalb nicht allein die Verfügbarkeit von Rechenleistung entscheidend sein. Ebenso wichtig dürfte sein, wo Märkte, Wissen, Talente, Kapital und industrielle Partner zusammenkommen.

Deshalb sollte KI-Politik nicht allein als Technologiepolitik verstanden werden.

Sie ist zugleich Standortpolitik.

Und sie wird zunehmend auch zur Geoökonomie. Denn im Wettbewerb um künstliche Intelligenz konkurrieren Staaten und Regionen nicht nur um Rechenzentren, sondern auch um Innovationsökosysteme, industrielle Wissensbestände und die Fähigkeit, zukünftige Wertschöpfung dauerhaft im eigenen Wirtschaftsraum zu verankern.

Das Paradox der künstlichen Intelligenz - und die Renaissance der Standortökonomik

Die Diskussion über künstliche Intelligenz wird häufig von Algorithmen, Chips oder Sprachmodellen dominiert. Dabei gerät leicht in den Hintergrund, dass auch diese Technologien räumlich entstehen.

Unternehmen müssen weiterhin entscheiden, wo sie investieren, wo sie Rechenzentren errichten und wo Innovationen entwickeln.

Künstliche Intelligenz verändert viele wirtschaftliche Zusammenhänge. Sie verändert jedoch nicht die grundlegende ökonomische Logik räumlicher Investitionsentscheidungen. Im Gegenteil: Je digitaler die Wirtschaft wird, desto wichtiger könnte die Frage werden, wo Energie, Daten, Talente, Forschung und industrielle Nachfrage zusammenkommen.

Gerade deshalb erlebt die Standortökonomik ihre Renaissance.

Sie erklärt nicht nur, warum Unternehmen bestimmte Regionen wählen. Sie hilft auch zu verstehen, warum diese Regionen im geoökonomischen Wettbewerb zunehmend an strategischer Bedeutung gewinnen.

Wer Deutschlands und Europas Rolle im globalen KI-Wettbewerb verstehen will, sollte deshalb nicht nur über Algorithmen, Rechenleistung und technologische Souveränität sprechen.

Er sollte wieder stärker über Standorte sprechen.

Die digitale Wirtschaft ist global. Innovation entsteht dennoch an konkreten Orten. Gerade darin liegt das Paradox der künstlichen Intelligenz - und die Renaissance der Standortökonomik.