Einleitung

Europa befindet sich nicht in einer Transformation, sondern in mehreren gleichzeitig. Künstliche Intelligenz verändert Technologien und Produktionsprozesse. Geoökonomische Spannungen verändern Märkte und Lieferketten. China verändert den globalen Wettbewerb. Die Energiewende verändert Kostenstrukturen. Und demografischer Wandel und Fachkräftemangel verändern die Knappheit von Arbeit.

Diese Entwicklungen werden häufig getrennt voneinander diskutiert. Für Unternehmen wirken sie jedoch gleichzeitig. Sie verändern relative Preise, technologische Möglichkeiten, Wettbewerbsbedingungen und Nachfrage – und damit die Bedingungen, unter denen wirtschaftlicher Wert entsteht.

Die wirtschaftspolitische Debatte reagiert darauf häufig mit der Suche nach den Industrien der Zukunft: künstliche Intelligenz, Halbleiter, Batterien, Quantentechnologien oder Wasserstoff. Dahinter steht eine nachvollziehbare Frage: In welche Technologien muss Deutschland heute investieren, um morgen wettbewerbsfähig zu sein?

Doch möglicherweise ist eine andere Frage mindestens ebenso wichtig:

Was geschieht mit den Fähigkeiten, die bereits vorhanden sind?

Deutschland muss nicht zwingend „die nächste große Industrie“ erraten. Entscheidend ist auch, ob Unternehmen vorhandene Fähigkeiten unter neuen Knappheiten und technologischen Möglichkeiten neu kombinieren können.

Innovation als neue Kombination

Diese Perspektive führt unmittelbar zu Joseph Schumpeter. In seiner Theorie wirtschaftlicher Entwicklung stehen neue Kombinationen im Zentrum des Innovationsprozesses. Innovation bedeutet demnach nicht ausschließlich, etwas technologisch vollkommen Neues zu erfinden. Wirtschaftliche Entwicklung kann auch dadurch entstehen, dass vorhandenes Wissen, Produktionsmittel und Fähigkeiten auf neue Weise miteinander verbunden werden (Schumpeter, 1934; 2005).

Gerade für eine entwickelte Industrienation wie Deutschland ist dieser Gedanke relevant. Über Jahrzehnte sind umfangreiche Fähigkeiten im Maschinenbau, in der Automobilindustrie, der Chemie, Elektrotechnik und industriellen Produktion entstanden. Mit Fähigkeiten sind dabei nicht nur individuelle Qualifikationen gemeint, sondern die in Unternehmen und einer Volkswirtschaft vorhandenen technologischen, industriellen und organisatorischen Kompetenzen. Dazu gehören Ingenieurwissen, Produktionserfahrung, industrielle Daten, spezialisierte Beschäftigte, Zuliefernetzwerke und Kenntnisse über Produktionsprozesse.

Deutschland verfügt über erhebliche industrielle und technologische Fähigkeiten. Die entscheidende Frage ist jedoch, wie flexibel sie eingesetzt werden können. Kompetenzen und Wissen können an bestehende Produkte, Unternehmen und Geschäftsmodelle gebunden sein, obwohl ihr wirtschaftlicher Wert in anderen Verwendungen steigen könnte.

Ein Automobilingenieur muss nicht sein ganzes Berufsleben Autos entwickeln. Fertigungskompetenz muss nicht ausschließlich in der klassischen Automobilindustrie eingesetzt werden. Maschinenbauwissen kann mit KI verbunden werden. Chemisches Know-how kann in neue Materialien einfließen. Robotik kann vom Automobilwerk in Logistik, Pflege oder Handwerk wandern.

Strukturwandel bedeutet aus dieser Perspektive nicht nur, dass alte Branchen schrumpfen und neue entstehen. Er bedeutet auch, dass vorhandene Fähigkeiten neue Verwendungen finden.

Eine Volkswirtschaft kann über erhebliche industrielle Fähigkeiten verfügen und dennoch an Wettbewerbsfähigkeit verlieren, wenn diese Fähigkeiten dauerhaft in Verwendungen gebunden bleiben, deren wirtschaftlicher Wert sinkt.

Aus volkswirtschaftlicher Perspektive stellt sich damit auch die Frage, wie sich komparative Vorteile im Zeitverlauf verändern. Wenn Wissen, Technologien und Fähigkeiten in neue wirtschaftliche Aktivitäten überführt werden, können sich Produktivitätsunterschiede und Spezialisierungsmuster verschieben. Auch die Literatur zur verwandten Diversifizierung zeigt, dass neue wirtschaftliche Aktivitäten häufig nicht unabhängig von bereits vorhandenen Fähigkeiten entstehen. Volkswirtschaften diversifizieren sich eher in Aktivitäten, die an bestehende produktive Fähigkeiten und Wissensbestände anschließen (Hidalgo et al., 2007; Neffke et al., 2011). Die entscheidende Frage ist deshalb nicht nur, worin Deutschland heute einen komparativen Vorteil besitzt, sondern aus welchen vorhandenen Fähigkeiten die komparativen Vorteile von morgen entstehen können.

Wenn Fähigkeiten eine neue Verwendung finden

Ein kleines Beispiel dafür begegnete mir diesen Sommer. Ich lernte einen Unternehmer aus Baden-Württemberg kennen, dessen Unternehmen eine modulare Plattform für pedalbetriebene Fahrzeuge entwickelt. Je nach Ausführung können damit Personen oder Güter transportiert werden. Das Konzept verbindet unter anderem Pedalantrieb, Solarenergie und Leichtbau; bei der Aluminiumkonstruktion werden nach Angaben des Unternehmens Fügeverfahren aus der Automobilindustrie eingesetzt.

Im Gespräch erzählte mir der Unternehmer von seinem Hintergrund in der Automobilzulieferindustrie. Veränderungen der Nachfrage hätten dazu geführt, über neue Produkte und Anwendungen nachzudenken.

Ökonomisch interessant ist an diesem Beispiel der zugrunde liegende Anpassungsprozess. Vorhandene industrielle Fähigkeiten werden mit anderen Technologien verbunden und auf eine neue Verwendung übertragen.

Ob aus einer solchen Kombination dauerhaft ein erfolgreiches Geschäftsmodell entsteht, lässt sich nicht im Voraus wissen. Ein Unternehmen muss herausfinden, welches Problem es für seine Kunden löst und ob dafür eine ausreichende Zahlungsbereitschaft besteht. Die Geschäftsmodellliteratur spricht in diesem Zusammenhang von value creation und value capture : Unternehmen müssen Wert schaffen, aber auch einen Weg finden, einen Teil dieses Wertes wirtschaftlich abzuschöpfen (Teece, 2010).

Damit wird aus der Frage nach technologischen Fähigkeiten eine Marktfrage:

Was können Unternehmen mit ihren Fähigkeiten künftig herstellen – und wofür werden Kunden bereit sein zu bezahlen?

Fünf Transformationen verändern den Wert vorhandener Fähigkeiten

Die fünf Transformationen sind für diese Frage relevant, weil sie verändern, welche Kombinationen wirtschaftlich attraktiv werden.

KI erweitert die Möglichkeiten, vorhandenes industrielles Wissen mit Daten und neuen Formen der Automatisierung zu verbinden. Ein deutscher Maschinenbauer muss nicht selbst das weltweit führende KI-Modell entwickeln. Wirtschaftlich entscheidend kann sein, verfügbare KI mit seinem spezifischen Wissen über Maschinen, Produktionsprozesse und Kundenprobleme zu kombinieren.

Der demografische Wandel verändert die Knappheit von Arbeit. Damit können Technologien wertvoller werden, die Beschäftigte produktiver machen oder Tätigkeiten automatisieren. Robotik und KI können dadurch auch in Anwendungen wirtschaftlich interessant werden, in denen ihr Einsatz bislang nicht rentabel war.

Die Energiewende verändert relative Preise und Investitionsanreize. Wissen aus Maschinenbau, Chemie oder Elektrotechnik kann dadurch in neuen Kombinationen für Energieeffizienz, Elektrifizierung, Kreislaufwirtschaft oder neue Materialien eingesetzt werden.

Geoökonomische Spannungen können wiederum den Wert von Resilienz, Sicherheit und Flexibilität erhöhen.

Und der wachsende technologische Wettbewerb mit China erhöht den Druck auf Geschäftsmodelle, die sich vor allem auf bestehende Produkte und frühere Wettbewerbsvorteile verlassen.

Die Transformationen machen vorhandene Fähigkeiten also nicht zwangsläufig obsolet. Sie können vielmehr deren relativen Wert verändern und neue Kombinationsmöglichkeiten eröffnen.

Die Kunden von morgen sitzen nicht nur in Deutschland

Für eine exportorientierte Volkswirtschaft wie Deutschland reicht es jedoch nicht, nur auf die Knappheiten und Veränderungen im eigenen Land zu schauen. Zukünftige komparative Vorteile können auch dort entstehen, wo vorhandene Fähigkeiten auf neue Probleme und Zahlungsbereitschaften in anderen Volkswirtschaften treffen.

Diese Probleme werden sich unterscheiden. In China könnten demografische Alterung, steigende Arbeitskosten und Produktivitätsdruck die Nachfrage nach hoch spezialisierter Automatisierung, Robotik, Medizintechnik oder energieeffizienten Produktionsverfahren erhöhen. Gleichzeitig bedeutet der technologische Aufstieg chinesischer Unternehmen, dass deutsche Anbieter in vielen Bereichen nicht mehr auf frühere technologische Vorsprünge vertrauen können.

In Indien treffen Industrialisierung und Urbanisierung auf einen erheblichen Bedarf an Energie, Infrastruktur, Wasser, Mobilität und Gesundheitsversorgung. Eine interessante Rekombination könnte dort gerade darin bestehen, deutsche Engineering-Kompetenz nicht ausschließlich für immer komplexere Premiumprodukte einzusetzen, sondern mit Digitalisierung und lokaler Produktion zu verbinden, um robuste, skalierbare und bezahlbare Lösungen zu entwickeln.

Auch in afrikanischen Volkswirtschaften – deren wirtschaftliche Bedingungen sich erheblich voneinander unterscheiden – können andere Kombinationen relevant werden. Dezentrale Energieversorgung, Wasseraufbereitung, Kühlketten, Lebensmittelverarbeitung oder Mobilität könnten beispielsweise Wissen aus Maschinenbau, Elektrotechnik, Energie- und Fertigungstechnologien mit konkreten lokalen Problemen verbinden. Wertschöpfung muss dabei keineswegs ausschließlich durch den Export fertiger deutscher Produkte entstehen. Kooperation mit lokalen Unternehmen, Produktion vor Ort und Anpassung an lokale Bedingungen können selbst Teil des Geschäftsmodells sein.

In den USA und Europa wiederum könnten hohe Arbeitskosten und Fachkräfteengpässe die Zahlungsbereitschaft für Automatisierung und produktivitätssteigernde Technologien erhöhen.

In Europa kommen hohe Energie- und CO2-Kosten, Dekarbonisierung und demografische Alterung hinzu. Was zunächst als Standortnachteil erscheint, kann damit zugleich zum Innovationsanreiz werden.

Diese Beispiele sind keine Prognose darüber, welche Produkte Deutschland in zehn Jahren in welche Länder exportieren wird. Sie illustrieren einen allgemeineren Mechanismus: Der wirtschaftliche Wert vorhandener Fähigkeiten hängt auch davon ab, auf welche neuen Knappheiten und Kundenprobleme sie angewendet werden können.

Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht nur:

Was kann Deutschland besonders gut herstellen?

Sondern:

Welche Probleme werden Unternehmen und Menschen weltweit künftig lösen müssen – und welche vorhandenen deutschen Fähigkeiten lassen sich mit neuem Wissen und neuen Technologien kombinieren, um dafür bessere Lösungen anzubieten?

Ein Maschinenbauer muss nicht zunächst entscheiden, welche neue Maschine er bauen möchte und anschließend nach einem Markt dafür suchen. Ausgangspunkt kann ebenso ein sich veränderndes Kundenproblem sein. Maschinenbauwissen könnte mit KI und Robotik kombiniert werden, wenn Arbeit knapper wird; Elektrotechnik mit Solar-, Speicher- und Digitaltechnologien, wenn eine zuverlässige Energieversorgung zum Engpass wird; chemisches Wissen mit Materialwissenschaften, wenn Dekarbonisierung neue Werkstoffe verlangt; Automobil- und Fertigungswissen mit Leichtbau und neuen Antriebstechnologien, wenn sich Mobilitätsbedürfnisse verändern.

Zukünftige komparative Vorteile entstehen damit möglicherweise an der Schnittstelle zwischen vorhandenen Fähigkeiten, neuen Technologien und sich verändernder globaler Nachfrage.

Welche dieser Kombinationen wirtschaftlich erfolgreich sein werden, lässt sich allerdings nicht im Voraus bestimmen. Auch technologische Rekombination ist mit erheblicher Unsicherheit verbunden, insbesondere wenn neue Komponenten und Kombinationen erprobt werden (Fleming, 2001). Wir wissen heute weder genau, welche Probleme in zehn Jahren besonders dringlich sein werden, noch wie hoch die Zahlungsbereitschaft für einzelne Lösungen sein wird oder welche konkurrierenden Technologien bis dahin entstehen.

Aber wer findet die richtigen Kombinationen?

Genau hier beginnt unternehmerische Entdeckung (Kirzner, 1997).

Neue Produkte und Geschäftsmodelle sind auch Hypothesen über zukünftige Märkte. Unternehmen experimentieren mit Produkten und Dienstleistungen; Kunden entscheiden, welchen Angeboten sie einen Wert beimessen; Wettbewerber reagieren, imitieren erfolgreiche Ideen oder entwickeln Alternativen. Manche Experimente setzen sich durch, andere nicht.

Wettbewerb ist damit nicht nur ein Mechanismus, der Preise diszipliniert. Er ist auch ein Entdeckungs- und Selektionsprozess (Hayek, 1978; Kirzner, 1997).

Die fünf Transformationen sagen deshalb nicht voraus, welche Unternehmen, Technologien und Geschäftsmodelle erfolgreich sein werden. Sie verändern vielmehr die Bedingungen, unter denen Unternehmen nach neuen Möglichkeiten der Wertschöpfung suchen.

Dabei unterscheiden sich Unternehmen in ihrer Anpassungsfähigkeit. Die Literatur zu dynamic capabilities fragt entsprechend, inwieweit Unternehmen Veränderungen erkennen, Chancen ergreifen und ihre Ressourcen und Kompetenzen neu konfigurieren können (Teece et al., 1997).

Hier besteht zugleich eine Verbindung zu meinem vorherigen Policy Essay über absorptive capacity. Unternehmen müssen nicht jedes für sie relevante Wissen selbst hervorbringen. Sie können externes Wissen identifizieren, aufnehmen und mit ihren eigenen Fähigkeiten verbinden (Cohen und Levinthal, 1990; Harris, Krenz und Moffat, 2021).

Ein Maschinenbauer muss KI nicht selbst erfinden. Aber er muss möglicherweise in der Lage sein, KI zu verstehen und mit seinem Prozesswissen, seinen industriellen Daten und seiner Kenntnis konkreter Kundenprobleme zu kombinieren.

Absorptive capacity wird damit zu einer Voraussetzung für Rekombination.

Rekombination braucht Reallokation

Rekombination muss dabei nicht innerhalb bestehender Unternehmen stattfinden. Nicht jedes Unternehmen, das heute über bestimmte Fähigkeiten verfügt, wird diese selbst erfolgreich in neue Produkte und Geschäftsmodelle überführen (Neffke et al., 2018).

Strukturwandel kann ebenso bedeuten, dass Beschäftigte zwischen Unternehmen und Branchen wechseln, Wissen in neuen Zusammenhängen eingesetzt wird, Kapital in neue Aktivitäten fließt oder neue Unternehmen entstehen, die vorhandene Technologien und Fähigkeiten anders kombinieren als etablierte Anbieter.

Damit wird aus der Anpassungsfähigkeit einzelner Unternehmen eine volkswirtschaftliche Frage. Entscheidend ist nicht nur, ob bestehende Unternehmen über dynamic capabilities verfügen, sondern auch, wie reallokationsfähig eine Volkswirtschaft insgesamt ist.

Können Beschäftigte ihre Fähigkeiten in anderen Tätigkeiten produktiv einsetzen? Kann Kapital aus schrumpfenden Aktivitäten in neue Unternehmen und Geschäftsmodelle fließen? Können neue Unternehmen auf vorhandenes Wissen und qualifizierte Beschäftigte zugreifen? Können erfolgreiche neue Kombinationen wachsen?

Die komparativen Vorteile von morgen müssen deshalb nicht in denselben Unternehmen entstehen, die die komparativen Vorteile von heute hervorgebracht haben.

Was bedeutet das für die Wirtschaftspolitik?

Daraus ergibt sich eine etwas andere Perspektive auf Industrie- und Innovationspolitik.

Es kann gute Gründe geben, bestimmte Technologien gezielt zu fördern – beispielsweise aufgrund von Wissensexternalitäten, strategischen Abhängigkeiten oder Koordinationsproblemen. Auch die Richtung technologischen Fortschritts muss aus gesellschaftlicher Perspektive nicht automatisch optimal sein. Wenn Unternehmen nicht sämtliche gesellschaftlichen Kosten und Erträge ihrer Innovationsentscheidungen berücksichtigen, kann es wirtschaftspolitisch sinnvoll sein, Innovationsanreize gezielt zu verändern. Die Literatur zu directed technical change zeigt beispielsweise, wie Externalitäten die Richtung technologischer Entwicklung beeinflussen und politische Instrumente Innovation in andere Richtungen lenken können (Acemoglu, 2002; Acemoglu et al., 2012; Acemoglu, 2023).

Das bedeutet jedoch nicht, dass Politik zuverlässig bestimmen kann, welche konkreten Unternehmen, Produkte und Geschäftsmodelle in zehn oder zwanzig Jahren erfolgreich sein werden. Zwischen der wirtschaftspolitischen Beeinflussung von Innovationsanreizen und der Auswahl zukünftiger Gewinner besteht ein wichtiger Unterschied.

Die wirtschaftspolitische Frage sollte deshalb nicht nur lauten:

Welche Zukunftsindustrie wollen wir in Deutschland aufbauen?

Mindestens ebenso wichtig ist:

Welche Fähigkeiten besitzt unsere Volkswirtschaft – und wie leicht können diese Fähigkeiten neue Verwendungen finden?

Die Konsequenz ist damit nicht einfach weniger Industriepolitik und mehr Bildungspolitik. Vielmehr erweitert sich die Perspektive auf Industriepolitik. Neben der gezielten Förderung von Forschung und Technologien wird entscheidend, ob Unternehmen Wissen aufnehmen, Fähigkeiten neu kombinieren und erfolgreiche neue Aktivitäten skalieren können und ob Arbeit, Wissen und Kapital in produktivere Verwendungen gelangen können.

Dafür braucht es Forschung und Bildung, Zugang zu Kapital, funktionierenden Wettbewerb, Möglichkeiten für Unternehmensgründungen und Experimente sowie Bedingungen, unter denen erfolgreiche Unternehmen skalieren können. Ebenso wichtig ist die Mobilität von Wissen, Beschäftigten und Kapital.

Dazu gehört auch internationale Offenheit. Der Zugang zu Wissen, ausländischen Märkten, qualifizierten Arbeitskräften und grenzüberschreitenden Unternehmensnetzwerken kann die Möglichkeiten erweitern, neues Wissen aufzunehmen und mit vorhandenen Fähigkeiten zu kombinieren.

Industriepolitik sollte damit weder ausschließlich bestehende Strukturen erhalten noch versuchen, die zukünftige Wirtschaftsstruktur im Detail vorzugeben. Sie sollte Marktversagen und gesellschaftliche Externalitäten berücksichtigen und zugleich die Fähigkeit einer Volkswirtschaft zur Rekombination und Reallokation stärken.

Industriepolitik sollte weniger ausschließlich in Branchen und stärker auch in Fähigkeiten, Wissensdiffusion, Rekombination und Reallokation denken.

Schlussbemerkung

KI, Geoökonomie, China, Energiewende und Demografie stellen Deutschland vor erhebliche Herausforderungen. Sie verändern Technologien, relative Preise, Knappheiten, Nachfrage und Wettbewerb – und damit den wirtschaftlichen Wert bestehender Produkte und Fähigkeiten.

Die Antwort darauf kann nicht allein darin bestehen, die nächste große Zukunftsindustrie zu identifizieren.

Deutschland besitzt bereits einen erheblichen Bestand an industriellem, technologischem und wissenschaftlichem Wissen. Entscheidend ist, wie beweglich dieses Wissen ist.

Können Unternehmen vorhandene Fähigkeiten mit neuen Technologien verbinden? Können sie Wissen aus anderen Unternehmen, Regionen und Ländern aufnehmen? Können Beschäftigte ihre Kompetenzen in neue Tätigkeiten übertragen? Können neue Unternehmen Ressourcen anders kombinieren als etablierte Unternehmen? Und gelingt es, aus diesen Fähigkeiten Lösungen für Probleme zu entwickeln, für die Kunden in Deutschland und weltweit bereit sind zu bezahlen?

Welche dieser Kombinationen erfolgreich sein werden, wissen wir heute nicht. Gerade deshalb sind unternehmerische Entdeckung, Wettbewerb und Experimentieren so wichtig.

Deutschland muss nicht zwingend die nächste große Industrie erraten. Entscheidend ist, ob Unternehmen vorhandene Fähigkeiten mit neuem Wissen und neuen Technologien kombinieren können, um auf veränderte Knappheiten und neue Kundenprobleme zu reagieren. Aus solchen Rekombinationen können die komparativen Vorteile von morgen entstehen.

Vorhandene Fähigkeiten allein bestimmen die komparativen Vorteile von morgen nicht. Neue Technologien allein auch nicht. Und Nachfrage allein ebenfalls nicht. Neue Spezialisierungsmöglichkeiten entstehen an der Schnittstelle von vorhandenen Fähigkeiten, neuen technologischen Möglichkeiten und veränderten Problemen bzw. Zahlungsbereitschaften.

Erfolgreicher Strukturwandel bedeutet nicht nur, dass Neues entsteht und Altes verschwindet.

Er bedeutet auch, dass vorhandenes Wissen neue Verwendungen findet.